Alma Grossen_selected texts




Ein Verhältnis
Unsere Beziehung war die eines Mädchens zu ihrem (durchsichtigen) Luftballon -
würde es darin einen Goldfisch ausführen und durch das beständige Plätschern eines schwebenden Wassers begleitet werden. Ich klammere mich mit weichen Händen um den zu dünnen Faden.







HYACINTH SERIES


19/04/20
Hyacinth

Es war noch dunkel und unglaublich kalt, wir durften von den Nachbarn nicht gesehen werden. Die Beobachter dieser Gegend, wo vor ein paar Jahren noch Menschen aus ihren Wohnungen geschleppt wurden, schlafen nie.Als Kind im unbeheizten Auto zur Schule zu fahren ist der Schrecken an sich, schlimmer geht es nicht. Alles wiederholt sich. Mein Fuß ist eingeschlafen. Meine Schulden unbezahlt. Das Wohnzimmer ist höher als breit und es hallt. Ich hasse es. Das kalte innere einer Bleikugel, klemmt es wohl seit dem Krieg unbequem im Hinterhof rechts, im besten Fall aufgehängt an Gylcinienlianen. Geschossen wurde vom mächtigen erbitterten Schicksal, so gleichgültig diesem Ort wie jedem anderen. Lichter zeichnen spöttische Geometrien gegenüber um vergeudete Zeit zu verdeutlichen. Scham!

Bachelard empfiehlt das Autorauschen vor eines (Pariser) Wohnlochs zum Schiff´auf der Brandung umzudenken, Positive thinking statt Verzweiflung, Freiheit statt Isolation. Als ob Gedanken noch Qualität haben müssten. Fokus!

18/04/20
Hyacinth

So wurde ich halt Musetta, hinter dem Gardarobenvorhang aus silbernen Seidenstreifen hervor schaue ich ruhig zu, wie Du langsam abbaust und die Bühne verläßt. (Vorhang: wie beim Eingang zu einem Friseur oder ähnlichemMein gewählter Fächer versteckt mich vor konkreten Möglichkeiten.
Die Frau ohne Schicksal, wankt panisch von Traum zu Trugbild, und wünscht sich schelmisch, dass jemand endlich den Stoff ihrer Hülle wegreißt. Ich trete nachts auf den Balkon und sehe ruhige Haushalte,es flimmert die Putzfassade wie eine dreckige Leinwand in der kalten Vorstadtluft. Ein starker, magernder Mondschein lässt Armut unverhüllt und ich hoffe auf den Geruch einer Sommerzigarette bei gelbem Straßenlicht,aus Erinnerungen, bevor noch offensichtlich wurde, dass Stränge nach belieben gezogen werden können. Warum in brüchigen niedrigen Stadthäusern, bei einem Treppenhaus, das ich kenne, warten die wahren Wählbarkeiten, warum muss es zuhause sein und wer ist dann Mimi? Ich will klingeln können und flüchten in junge versprochene Klarheit, in die altbekannte Fantasie. Süchtig nach Flucht, bleiben wir in der Gegenwart eingesperrt.

Der vorhin betrachtete Mond ist aber wie gewöhnlich weitergewandert.

17/04/20
Hyacinth

Ich sitze ganz weit draußen an der äußersten Ecke der Decke.

Ich habe mich rücklings genau angepasst auf deinen Rücken gelegt und mag die klare Grenze deines Körpers. Ich darf nicht runterfallen.

Ich Frage mich ob alles Kompromiss ist und ich nur nach Musen suche.

16/04/20
Hyacinth

In Berlin liegt jegliche Schöhnheit in der Vorstellungswelt, man muss sie suchen, wie Tas Huba Töhötöm seine innere Urheimat wieder erblickt. Kugeln und Knöpfe zieren jetzt den Himmel über dem Feld. Ich werde zur Nomadin auf der Styeppe und erläutere als Ökologischer Bieber der InfoBox meine Geschichte.Tage sind derzeit wie komprimierte schwarze Sonntagssteine. Orte in der Stadt. Die Wohnungen aufeinander gefaltet, so bin ich der Geist der aus deinen Blumen spricht. Die Nepalesen schenken mir im leeren Restaurant ein Abendessen, weil alle Bergleute sich gleichen. Ich erinnere mich an die Kirchspitze, wie an einen stumpfen Farbstift für Sternpunkte. Je weiter ich zurück denke, desto Erwachsener werde ich. Die Lage meiner Gedanken ist sicher.

15/04/20
Hyacinth

Forst und Schilf und noch mehr grauer Frühlingskontrast -
Im Hintergrund white trash jeden, jeden Tag und Pixelcalls

Warum bin ich glücklich ?
Aus Notwendigkeit, aus Fülle und aus Stille .
Du bist die Gegenwart geworden.

14/04/20
Hyacinth

Ich grabe nach Realitäten.
Eine Summe aller hochgeschleppten Einkäufe ist mein Fleisch -
Es frisst Träume, die von Tag zu Tag wilder werden

Das Geräusch von abgeschabten Forellenschuppen

13/04/20
Hyacinth

Grau-weiß gestreift fällt das kahle Licht auf mein Gesicht
Wie öde.
Aber wenn ich die Augen schließe - alles blutorangenrot
Ich schaue kleinen blauen Flecken zu wie sie durch das Lava schweben, kleine, sorgsame Wolken in ihrem Neuronenbahnen-Zuhause.
Hin und her wankt der Hinterkopf und wieder entsteht ein ganzer Blumenstrauß.

Ich habe eine eine original Bach Partita gefunden (gescannt von Anna Magdalena selbst), die ich ausdrucke und vom aufgeklappten Laptop Notenständer vom Blatt lese. Der steht auf dem Drucker neben dem umgedrehten Plasmabildschirm.

12/04/20
Hyacinth

Letztes Jahr in St. Petersburg bei der hellblauen Kirche war es Ostern ich denke an liebliche Grachten wo längliche Dänische Flötisten entlangrennen wir morgens Pferde besteigen und der Newsky Prospekt vor Klassik glüht so reise ich dieses Jahr in Gesprächen Erinnerungen entlang warum tauchen sie wieder auf? Wir erzählen uns die Geschichte wieder und wieder, der Mann aus den Gedichten ist wieder da so kann ich stolz erzählen: der Russe ist krank und trinkt Thymian (Tamás) manchmal schreie ich auf, wie ein alter Router.

11/04/20
Hyacinth

Tu sei il mio ieri il mio oggi Für eine Erinnerung braucht es Zwei - Chiamami tormento dai
Hyacinthe halluzinierte ich als die Krankheit Form annahm. Meine Pflanzen heißen jetzt in wöchentlicher Rotation wie meine Freunde Ich begieße sie und mein Leben vor 9 Jahren blüht auf im Dachgeschoss in der Nähe von Schönholz Wo vergessene Lieben ausgeschrieben werden Renne ich vor mich hin und sehe schlechte Gedanken Menschen im Park reden triviale Monologe und wir lachen über essbare
Zeppeline in der Fastenzeit der Tod ist irgendwie auch eine Möglichkeit geworden.




Die Motte

Eine Motte hat meinen Handrücken berührt in der leeren Wohnung: ich höre mich besser, wenn ich allein Körper bin.

Nicht meiner; sondern ein Beliebiger; den ich jeden Morgen neu begrüße: wie die Motte brauch´ich Dich zu spüren, denn ich seh´uns nur von Außen.


LOVE POEMS





Et pourtant

Hexe" war mein Name, “Gelbe
Katze” war ich nur kurz - Du bist mir nicht geblieben.

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Der kleine Tiger
räuft sich und tobt um sich selbst
kaut an seinem jungen Fell
der goldene Blick versteckt nach innen gewandt
was ich nur tun würde um mir gehör zu erhaschen

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Ich habe meine Sprache vergessen, denn sie wurde mir gestohlen.
Mir ist die Seele schwer verstummt, verdörrt - wie von einer Pfirsichhaut gelingt
es mir nicht, sie vom Schimmel zu befreien.

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Meine Hände sind vor Trauer zu Hasenpfoten verkrampft, sie versuchen
Worte auszugraben. Diese sprechen wieder über Andere, während mein Kern
zeichnet immer nur Dich.

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Bitterster Abschied ist den man selbst für nötig hält. Stück für Stück reiße
ich die Fäden aus, die uns zusammenbanden - ich schaue den Minuten zu, wie
sie die Wunden heilen.

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LOVE POEMS


A COLOUR

Catholic convent in Florence, p
alm trees and a guy smoking outside, a laugh his eyes -
Falling in love with that boy who looks like the girl of my lovers dreams.
A blondie guy in a girls lap where the chemistry is pulpable.






A SHORT STORY

On Sunday they buried my grandfather. It was a Swiss matter, Italian marble and the white clear light of early summer days in the mountains. They had just planted the cypresses to function as a small, rather pathetic ornament to the pathway leading up behind the church (maybe celebrating its 800th year today), just next to the parking lot of that electrician Salmina, whom my father used to fight so much with.
I could only remember one other funeral, my uncle Martin’s, a true Zuriquois, with a well-kept white round-beard, artist and painter, and all the Swiss bourgeoisie coming to look at us. I remember talking to Uncle Houusi, about how stupid it was that they wanted to stare at grandpa while he wasn’t even living anymore as I showed him how well I could tip-toe on the long granite stripe cutting contrast against the gleaming blank concrete with its apathetic monochrome shadow. I equilibrated nonchalantly and looked quite pretty in my mind. We went on to play Tennis with Caroline, since I was so bored between the cars and the black dresses. My much-hated blue-white checkered crepe dress, that you had to awkwardly wind
and bind every time to wear, is true because it later showed its best on a Polaroid my mother took. She had dressed up her manikin tastefully - until today she calls me Baba, the
Hungarian word for babydoll. The burial changed my father- his flight from this fauvist feeling of loss he couldnever get over. And he never came out to his father.




WUNDERPFERD

Ich probier dich aus. Streichle Dein Fell, fang an vorsichtig an deinem Schweif zu zupfen´, ich stell mir vor wie Du in der Mittagssonne stehst und dich an Dorfhäusern kratzt -. Du lässt dein Gewicht gehen, lasziv verformt sich Dein Fleisch an der Wand.

Ich möchte Orangen über Dir zerpressen lassen, bis sie bittersüss schreien
und dich langsam zukleben Zerfliessen sollst Du! Ich will sehen wie Deine schweissdurchnässte Mähne an Dir klatscht,

Deine Sehnen musst du zeigen, damit du glänzt und buttrig daherkommst, 
sodass Alle verkrampft die Augen schliessen, damit sie Deinem Schnauben gewissenslos horchen können.

Denn Du bist das Wunderpferd, das Objekt des erkorenen Ekels der Schönheit.





Jetzt war da

und weckte mich
mit ihrem lauten Glucksen lachte sie
über die eigene Einsamkeit.

Kopflos
aus offenem Rippenkorb
glühte ihre Geschlechtslosigkeit
Ein Satyr-Engel
als Kameramann unserer verborgenen Momente.

Bei schlechter Auflösung
kann man sie durch das Flimmern beobachten
und zusammen erschrecken
ab dieser geteilten Unwirklichkeit.


So fiel ich wieder zurück in Schlaf und
erwachte ohne Jetzt, Alleine im Traum.





Morgengrauen

Eine U-Bahn blinzelt stoppend Stationen,
eröffnet ins kalte Morgenkiez ihre müden Lider.
Es wird hinausgestochert ohne die Beine zu biegen, wie staubige Weinflaschen klappern wir uns gestammelte Streicheleinheiten entgegen, und bepflastern die Seele mit wohligem Segen. Denn es ist die gegrölte gemeinsame Melancholie, die gründet in erstillten Morgenstunden unsere stolzen Gestern wieder.





AUFGABE

Die abgewaschene Schminke
Häuft sich an und
Erwacht zum Leben
Zornerfüllt macht Sie sich auf
Ihr geopfertes Ich zu beweisen.





GEWALT

Ich fehle mir ohne Dich.
Blätter in meinen Gedanken
und sei Du endlich
mein Ende und Anfang.

Verlasse mich in krankem
bitteren seelischen Unklang -
Erleuchte! nein, Erdunkle mich!

So flehe ich um Deinen Stich,
Soll all edles Zögern von mir weichen
sodass, in süßer Agonie erbleichend
der Wahrheit Schwärze ich erblick.






IMPRESSIONS



ONE
Where are you waiting for me?

In some breaths, at the end of things reminders show up -
as if we would meet in 
the afternoon and I´d be late again.

T
WO
So. Waking up to the dirtiest night train, on the shoulders of my best friend, after a long day of heat. The colours still reflecting the sunny moments between two of my three european homes.
In this ugly inbetween-world for once I don’t have to sit alone, it’s two schoolmates sharing the same memories, sharing the
same longing for repetition. How unwanted the best feelings can be and how this undesiredness is everything that becomes desired after all. My windows turn black, the glooming sun squints a last goodbye to my worries, I’m all back to reality, to my own velour shades again, fierce and funny like a sixteen year old.

I have a stone mask for fights always lying next to me, it has 
formed over the years, maybe it’s made of terracotta though, and maybe I can resoften it with water. Water from those shared memories, curing wounds and wrinkles, lovely hands of an inner self, stroking out the hard lines. Or should I just break it - I think of who I am and was and which version that will help me mend myself so i can look up again, just as confidently and proudly as I belonged to this friendship, on a train, on a night at the end of summer.



THREE

Sometimes in august I wash my soul. Alike to a ritual I swim my daily kilometres in a long glittering rectangle on a narrow elliptic island. It lies as ever, stretched between the open limbs of the river Danube, like the negative space between a woman’s thighs.
The place is purely functional, sporty and thoroughly clean, a sterile hole in the midst of a dusty town. The city of green, red and white, where coloured tiles touch calm clouds and brown broken facades line up for history to look at. There, where everything is chloride, the gleaming wind strokes olive bodies, the water like the sky’s flesh, immensely transparent, becomes topography folded between muscles, washed skin cutting through its surface. How concrete this gilded spot is, the sporty place, how content in its existence, a moment carved in the loam of the dusty city.



FOUR
There’s two ways of looking at it: on the hard woolen canape, the belly all flat, so the chest can comfortably rise, resting my chin forward like a seal on an open cliff. Or on your back, arms strechted to your sides, feeling the blood in your fists dangling down slightly, like jesus, victimized to boredom, the legs spread apart and resting the heels, naturally equilibrated by gravity.
Here I lie for hours watching a day go by, inventing it to be every day this room has ever seen, changing perspectives so prudently, you feel like time itself, like the wind smelling of freshly fried pork or the spiders climbing up the web in the window.
You become the space you belonged to, separated from it only by the fact of your breath.




FIVE
Aleksej showers. He sings because of the shame he feels, draining out every faulty knot in his story, shutting up the hatred, family.

Examination of conscience
remains without result when compared to the sufficiently content.










Auswahl aus dem Personenregister


------------------- s.
Photographie Vorlesungen UNIZH, Besuch WInti 2019, Schulhof mit Paprika, Casa Pippistrello, Bus und Maestro Gianni
auf dem St. Gallener Festival inspirierte sie mich ein Foto von ihr zu machen, auf dem sie ihren nackten Fuß in beiden Händen hielt.

Denn sie bedeutet für mich die Intimität einer Schwester, phlegmatischer als ich, aber in ihre Art der Gerechtigkeit bleibt mir so nah, dass ich ihre Reaktionen jetzt nur noch besser
verstehe als mit 8. Damals fuhren wir oft im selben Schulbus, wir kannten uns ja über das gemeinsame “Schweizerdeutsch” aus der Scuola Elementare in Malvaglia; sie stieg Rongie ein, ich Chiesa - manchmal saßen wir nebeneinander.
Ich kannte ihren Vater Y. , einen Beduinen, der sich in die halbitalienische V. verliebt hatte, jedoch Alkoholiker und nun mit Zweitfamilie in Zürich fanatisch muslimisch lebte. S. hatte Asad den Hund (Löwe), jetzt hat sie Marley und bald ein Kind.

------------------ Frau w.

Wenn die Laubbäume vom Sommer müde sich über meine Straße beugen, bevor die eigentliche Berliner Jahreszeit (ich meine den Herbst) beginnt, schlendere ich oft unter ihren wippenden Schatten vorbei, eilig.
Manchmal kommt mir eine alte Dame in Latschen entgegen, mit Wuschelhund - beliebig ersetzbar - sichtbar einsam, auf abendlichem Spaziergang.

Dazu fallen mir nur zwei Dinge ein:
ist das wohl meine Vermieterin, die mir so nett über einen Freund vor vier Jahren die Wohnung vermittelte? Ich stelle sie mir oft vor, ich kenne sie nicht, weiß nur, dass sie um die Ecke wohnt.
Andererseits: sehe ich auch so aus?

------------------- A.
St. Petersburg, das JEB Boot, Johanna
ein großer Geist, blond, stark und nachdenklich nach innen gekehrt. Ihr Mann Y. ist ein Abbild ihrer inneren Verträumtheit, in unserem bisher einzigem Telefonat fragte sie mich warum das mit ihm wohl funktionieren würde.

Ich dachte, dass er ihr Möglichkeit gibt frei zu sein, ihr, die so gebunden ist an eine Vita Activa, im Orchester, in der Thomas Mann Gesellschaft und eine dominante Gruppenrolle unentbehrlich findet um sich sicher zu fühlen. Y. hat sie in der Wüste kennengelernt als sie 26 war, er hat 36 verstanden. Er fährt Motorrad und ist sehr warm und weich. Er nennt sie Battat, kleines Entchen. Er hatte ein Burnout seit sie nach Österreich gezogen sind.

------------------- ho.
Bekanntschaft aus Archetyp. Noch als verliebt auf französisch, traf ich sie im Hintereingang der neuen Kunstgalerie im Sommerbad Humboldthain.
Kennzeichen waren: unglaublich gepflegt, klein, perfekt gestutzter Pony
Haarschnitt, dezente Goldbrille, weißes durchsichtiges Hemd, kein Lächeln.
Sehr offen nervös, schämt sich nicht auch unzufrieden zu sein, höflich, trotzdem touchy, hat einen Onkel namens Jean-Renoir und liebt ihren Freund D. der viele Astrophysik Videos guckt und Designer Möbel verkauft. Sie hat eine gute Website. Auch ein paar Sommersprossen. Vielleicht sexy, weil so trocken.

------------------- g.
Barbarossaplatz, Gelbe Katze, Philharmonie, Sacre du Printemps im Konzerthaus mit Budapest Festival Orchestra, The Hat Bar, Zig Zag Club, Kukucksei, Wroclaw, Babylon zu Mitternacht
Große Liebe, die mir niemand glaubt. 23 jähriger Jüngling, mit so
kontrastreichem Gesicht, wie verschmitzter Kajal auf halbmondförmigen
Schalen aufgetragen, der Bernsteinkugeln unter weißer Plastilinhaut verbirgt. Tigerhafte Stärke in trockene, nach Guerlain riechenden Baumwollhemden in Farben der 70er Jahre gehüllt. Sehr launisch, sehr verwöhnt, unglaublich aggressiv, verkrampfen sich seine Augenbrauen unzufrieden und er klappert mit den Zähnen in der Nacht. Seine breiten Nasenflügel weiten sich, wenn er erregt ist und zufällig zuhört. Hasst jegliche Intimität, Angst vor Küssen, vor Umarmungen. Sein katholisches Gymnasium diente ihm als idealisierte Leidinspiration - besessen von seiner strengen Form, wurde er Objekt einer
süßlichen Bewunderung.

Ein Traum war, wo sein Haus im Südfranzösischen Sand eingegraben in
Goldstroh gleißend eingebettet, das bürgerliche Familienleben mit geschecktem Pferdekopf, den ich umarmte, und Großmutter, die ich grüßte, versprach.

------------------- p.
Dubrovnik, Wollankstr. Mehringdamm, das Semiotik Seminar rundes, polnisches Katzenwesen mit Ebenholzfarbenen, langen Haaren, perfekten Augenbrauen und zu dunklen Augen. Spricht sehr schnell, Miss Master Theses, wenn sie ihre Brille trägt. Immer auf der Flucht, vor der urteilenden Osteuropäischen Mutter - bei jüdischen Großeltern aufgewachsen. Liebt nur in schwarz und empfiehlt es mir auch. M. ist ihr Projekt, das manchmal gut, manchmal besser gelingt. Lügt oft, sich selbst auch an, man muss sie dann berichtigen, denn man sähe sie ja auch von außen. (Schnelle Gedanken mit starken Wünschen sind oft schwer.)

------------------- h.
Weinbar Wilmersdorf, Sommerbad Humboldthain, Portwein, das Mirage
sieht aus wie Fassbinder. (R.W.) Ich dachte ursprünglich er sei schwul, als ich noch aus familiären Gründen zur Homophobie tendierte. Er wollte im Kumpelnest nach der Orchesterparty mit mir tanzen. Wie so oft bin ich unsicher ob Musikerlocations vorher schon “it” sind oder wir sie dazu machen. (siehe SZIMPLA Budapest gegenüber der Akademie)
Vier Jahre später lernen wir uns besser kennen, er ist sehr offen und liebt alles - wie ein Kleinkind denkt er und wundert sich, wenn die Sachen anders passieren. Ich bediene seine Fantasien nur halb, was ihn wahnsinnig macht. Seit dem Tag, an dem er mir das Mirage zeigte, sind wir eng.

Copyright Alma Lux Grossen. ︎︎ ︎